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Pflegekräfte dringend gesucht
Dieses Thema bewegt viele, wie man an der Besucherzahl im Danuvius-Haus am 7. März 2018 sehen konnte: Rund 60 Zuhörer waren zur Veranstaltung des SPD-Ortsvereins in der Demenz-Klinik in Petershausen gekommen. Es ging darum, wie man die Situation von Arbeitskräften in Senioren-, Kranken- und Pflegeeinrichtungen so verbessern kann, dass zum einen sich mehr junge Menschen für diesen Beruf entscheiden und zum anderen die Pflegekräfte durch ihre Arbeit nicht krank werden.

Martina Tschirge, Kandidatin der SPD Dachau für den Bezirkstag, hatte auf das Podium Christine Richter (Leitung des Danuvius-Hauses in Petershausen) eingeladen, dazu Beate Fröhlich (Danuvius-Leitung in Ingolstadt) und Julia Hengst, die Pflegedienstleitung in Petershausen. Zunächst wurde über die Situation im Danuvius-Haus berichtet, sicherlich stellvertretend für viele andere Einrichtungen:

Pflege-Diskussion
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Am Mangel an Pflegekräften scheitert die Vollbelegung des Hauses, obwohl genug Anfragen vorlägen. Der Pflegeschlüssel - abhängig vom Grad der Pflegebedürftigkeit der jeweiligen Bewohner - ist grenzwertig niedrig, die Pflegekräfte arbeiten am Limit. Bewerbungen von neuen Pflegekräften scheitern, wenn die Interessenten befürchten, dass häufig außerplanmäßig zusätzliche Dienste übernommen werden müssen, da es keine Springer gibt. Die tarifgerechte Bezahlung erlaubt nur wegen der Schichtdienstzulagen das Bestreiten des Lebensunterhaltes, schwierig wird die Finanzlage bei Alleinerziehenden. Ein Auskommen mit der Altersrente ist für Pflegehelfer, aber auch für Fachkräfte nicht möglich, da Schichtzulagen für die Rente nicht angerechnet werden.

Dabei werden immer mehr Pflegekräfte gesucht, nicht nur für heute. Mit der erhöhten Lebenserwartung wird auch die Pflegebedürftigkeit steigen. Der Pflegekräftemangel war auch bei den Koalitionsverhandlungen zwischen SPD und CDU/CSU ein wichtiges Thema: Man rechnet für 2050 mit einem Anstieg von Pflegebedürftigen um 50 Prozent und muss von einem erhöhten Bedarf von dann mindestens 20.000 Pflegekräften ausgehen.

Aber der Beruf der Pflegekraft hat bei den Menschen kein sehr hohes Ansehen. Liegt es am Gehalt? Sind es Berührungsängste mit Krankheit, Siechtum oder Tod? Die Podiumsgäste sprechen davon, dass eine reißerische Berichterstattung über einzelne Negativbeispiele den Pflegeberuf in einem äußerst schlechten Licht darstellen, so, als ob das Arbeitsumfeld zwangsläufig zu Fehlverhalten von Pflegern führen müsste. Dabei bestätigen alle anwesenden Aktiven, wie erfüllend und wohltuend die Arbeit mit den Menschen oft ist.

Die Qualifizierung zur Pflegekraft hat sich grundlegend geändert. Seit wenigen Jahren gibt es - für Absolventen der Mittleren Reife, ab 2020 auch mit Mittelschulabschluss - die "generalisierte Ausbildung" mit Grundwissen für Pflegekräfte aller Art. Die Auszubildenden werden auf jedem Gebiet der Pflege eingesetzt, lernen alle Bereiche kennen und können sich dann entscheiden, wohin sie sich orientieren möchten. Weiterbildung kann zu besser bezahlten Leitungsfunktionen führen. Darüber hinaus gibt es inzwischen das Pflege-Studium: verschiedene Studiengänge wie Pflegemanagement, Pflegewissenschaften, Medizinal-Fachberufe, Pflege und Gesundheitsförderung sowie einige spezielle Formen der Pflege.

Und im Landkreis Dachau gibt es viele Aus- und Weiterbildungs-Möglichkeiten in der Akademie Schönbrunn mit seiner Fachschule für Heilerziehungs-Pflege in Gut Häusern: ein breites Gebiet für die Berufsausbildung junger Menschen oder zur Umschulung älterer Berufstätiger. Pflegehelfer können mit inzwischen kostenlosen Weiterbildungsangeboten schnell aufsteigen, Pflegefachkräfte "Karriere machen", indem sie in den Medizinischen Dienst aufsteigen oder Heimaufsicht werden.

Danuvius-HausDer Mangel an Pflegekräften vor Ort kann nur mit einem guten Betriebsklima kompensiert werden, meinen die Vertreter des Danuvius-Hauses: die "offene Bürotür", also die ständige Gesprächsbereitschaft zwischen Leitung und Pflegekräften, wöchentliche Beratungs-Möglichkeit durch eine Geronto-Psychologin, regelmäßige Krankengymnastik und andere Rehabilitations-Angebote gibt es im Danuvius-Haus. An grundlegende Verbesserungen durch die Politik glaubt man nicht.

Dem widerspricht aus dem Publikum vehement der CSU-Bundestags-Abgeordnete Erich Irlstorfer (Mitglied im Ausschuss für Gesundheit, dort Berichterstatter für Pflegeberufe sowie zahnärztliche Belange und Co-Berichterstatter für Qualität in der Pflege): Er war bei den Koalitions-Verhandlungen dabei und betont, dass die dort festgelegten Verbesserungen ein erster Schritt in die richtige Richtung sein würden. Weitere Schritte müssten folgen. Allerdings sind diese womöglich auch zukünftig weit weg von den Forderungen des gesundheitspolitischen Sprechers der SPD, Karl Lauterbach, der eine 30-prozentige Erhöhung des Bruttogehalts fordert, was lediglich einen halben Punkt mehr bei der Pflegeversicherung bedeuten würde, befürchtet Martina Tschirge.

In drei Gruppen hatten die meisten Zuhörer zuvor an einem 30-minütigen Rundgang durch das Danuvius-Haus teilgenommen. Danach meldeten sich in der Diskussion vor allem Leute vom Fach, also Pflegekräfte aus verschiedenen Einrichtungen in Dachau, Pfaffenhofen und Schönbrunn - aber auch viele, die zwar einen Pflegeberuf gelernt hatten, nun aber schon lange nicht mehr als solche tätig sind.

Sie bemängelten den schlechten Pflegeschlüssel: Eine Pflegefachkraft ist für viel zu viele Pflegebedürftige verantwortlich, viel zu wenige Pflegehelfer für zu viele Patienten zuständig. Das birgt die Gefahr von Krankheit durch Überarbeitung. Ausfall ist die Folge, die Personaldecke wird immer dünner. Die Wochenarbeitszeit von 40 Stunden ist zu lang, 35 Stunden müssten genug sein.

Der Mangel an günstigem Wohnraum hindert viele daran, den Beruf weiter auszuüben. Dabei sollte die Wohnung nicht unbedingt durch den Arbeitgeber angeboten werden und zu nah an der Arbeitsstelle sein, um ein Leben abseits von Problemstellungen im tagtäglichen Berufsalltag zu ermöglichen.

Die Anerkennung als Pflegefachkraft von ausländischen Berufsausbildungen dauert in Bayern viel zu lang. Zudem ist das Angebot des öffentlichen Nahverkehrs ungenügend, so dass die Pflegekräfte mit dem eigenen Auto fahren müssen. Die Helferausbildung muss nicht nur kostenlos sein, sondern müsste bezahlt werden (wie auch in anderen Berufen als duale Ausbildung), Lehrmittelfreiheit sollte selbstverständlich sein. Die Forderung von Verdi nach einer flächendeckenden Tarifgemeinschaft wird für gutgeheißen.

Über Ehrenamtsarbeit und vor allem den Bundesfreiwilligen-Dienst (BuFDi) könnte die Arbeit in der Pflege den Menschen nahegebracht und das Berufsbild bekannt gemacht werden, die Werbung dafür ist auszubauen. Man könnte u.a. Artikel im Gemeinde-Journal Petershausen veröffentlichen. Das Rentenalter sollte wie bei der Polizei auf 60 Jahre festgesetzt werden.

Einig war man sich im Publikum auf jeden Fall darüber, dass die Gesundheits-Politik noch große Aufgaben vor sich hat.  Beate Fröhlich sagte zum Schluss: "Mitarbeiter nur als Kostenfaktor zu betrachten - so wie es derzeit vorherrscht - ist keine gute Motivation. Mitarbeiter sind unser höchstes Gut."

Von Christa Jürgensonn, 11.03.18


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